Grundwissen Geldanlage

Öl-Preis-Drop – wie der tiefe Fall von Rohöl die Wertfrage neu stellt

Viele rieben sich verwundert die Augen, als vor gut einer Woche Geschichte an den Börsen geschrieben wurde: Der Preis für WTI-Öl ist erstmals ins Negative gefallen. Zwar ist der Preis für ein Barrel des Öls der Sorte WTI schnell wieder zurück in den positiven Bereich geklettert, doch der Absturz ins bislang unbekannte Negative darf an Bedeutung nicht unterschätzt werden. Der tiefe Fall des Öls stellt nicht nur Unternehmen und Spekulanten vor Herausforderungen, sondern stellt auch den eigentlichen Wert des schwarzen Goldes infrage. Wie wertvoll ist Öl überhaupt? Wie kommt Wert zustande und was bedeutet der Absturz des Öls für andere Wertgegenstände wie Immobilien?

Article

|4 min read

Intrinsische Werte – Wie kommt Wert zustande?

Um zu verstehen, wie der Wert von Öl überhaupt zustande kommt, muss man verstehen, was Wert eigentlich ist. Denn wie wir definieren, was wertvoll und was wertlos ist, ist nicht immer ganz selbstverständlich. Gold beispielsweise gilt generell als sehr wertvoll und war lange Zeit die Grundlage des Wertes unserer Währungen. Die meisten Währungen sind heute allerdings nicht mehr an einen direkten Goldgegenwert gebunden. Das Einzige, was sie wertvoll macht, ist, dass Regierungen sie als Zahlungsmittel akzeptieren. Nicht nur hat Gold keinen direkten Geldgegenwert mehr, es hat auch einen nur geringen Nutzen in der Industrie, eignet sich als Produktionsmaterial nur bedingt und ist mit enormem Förderungsaufwand verbunden. Trotzdem ist dieses relativ nutzlose Edelmetall eines der wertvollsten Materialen, die wir kennen. Gerade weil es aber so schwer ist, Gold abzubauen, zu verarbeiten und dann für gesellschaftlich relevante Güter wie Schmuck zu verarbeiten, hat es einen hohen intrinsischen Wert.

Der intrinsische Wert einer Immobilie beispielsweise ist höher als der reine Wert der Kosten des verbauten Materials und der zum Bau aufgewandten Arbeitsleistung. Der innere Wert eines Gebäudes ergibt sich vor allem aus dem Potenzial zukünftiger Ertragsgenerierung. Durch Vermietung, Verpachtung oder den Weiterverkauf kann mit einer Immobilie regelmäßig Ertrag eingefahren werden. Hinzu kommt, dass Faktoren wie die Lage der Immobilie oder die generelle Nachfrage nach Wohnraum den materiellen Wert der Immobilie virtuell vergrößern. Der intrinsische Wert von Immobilien per se und Immobilien als Anlageklasse ist daher sehr hoch. 

Der intrinsische Wert von Erdöl kann auf ähnliche Weise ermittelt werden. Es ist technisch extrem aufwendig, Öl aus der Erde zu pumpen, zu transportieren, zu raffinieren und zwischenzulagern. Gleichzeitig hat Öl einen enorm großen Nutzen. Fast jeder Industriezweig ist in der einen oder anderen Form auf Erdölprodukte angewiesen. Sie als Autofahrer sind regelmäßig auf in Form von Benzin raffiniertes Erdöl angewiesen. Der intrinsische Wert von Öl ist entsprechend hoch. Und wie konnte es nun passieren, dass der Ölpreis nicht nur abgestürzt, sondern komplett kollabiert ist?

Verhängnisvolle unelastische Märkte 

Der Ölmarkt ist relativ unelastisch, denn Öl ist ein essenzielles Produkt, auf das Verbraucher angewiesen sind. Das bedeutet, dass, egal ob die Preise für Öl steigen oder fallen, die Abnehmer es weiterhin wie gewohnt kaufen. Steigt der Preis für Benzin, sind Sie als Autofahrer zwar verärgert, müssen, um sich fortzubewegen und zur Arbeit zu kommen, aber in den sauren Apfel beißen und trotzdem tanken. Diese Unelastizität wurde dem Ölpreis nun in der Corona-Krise zum Verhängnis. Die Wirtschaft produziert weniger, Autofahrer bleiben zu Hause, die Welt braucht schlicht und ergreifend weniger Öl. Die Produzenten des Schwarzen Golds können aber so kurzfristig nicht einfach ihre Bohrlöcher stilllegen und die Förderung stoppen. Also produzieren sie weiter und liefern sich Preiskriege mit ihren Konkurrenten. Bevor sie ihr Öl gar nicht loswerden, unterbieten sie die Konkurrenz und verkaufen lieber zu einem billigeren Preis. So taumelt der Ölpreis stetig abwärts. 

Wenn jetzt auch noch Spekulanten an den Börsen dazukommen, sind die Bedingungen für einen „Perfekten Sturm“ gegeben: Spekulanten kaufen das billige Öl und halten es – auf dem Papier – einige Zeit in der Hoffnung, durch steigende Preise Gewinne beim Wiederverkauf machen zu können. Da die Preise aber nur den Weg nach unten kannten und die Deadline näher rückte, zu der die Spekulanten ihre gekauften Ölfässer tatsächlich hätten abnehmen müssen, versuchten sie in blinder Panik ihr Öl loszuwerden. Ein Alptraum, denn effektiv bedeutete das, dass sie ihre Käufer bezahlten, damit diese ihnen das Öl abnehmen. 

Asset Backed Tokens als Zukunft des Geldes

Der Absturz des Ölpreises zeigt, wie groß die Gefahren für Anleger sind und wie schnell der intrinsische Wert eines Guts an den Börsen wegspekuliert werden kann. In Zukunft könnte die Blockchain-Technologie neue und vor allem sichere Anlagen und Investitionen ermöglichen. So genannte Asset Backed Tokens werden von Start-Ups bei einen Initial Coin Offering an die Investoren ausgegeben. Wenn Sie in die Firma investieren, erhalten Sie ein Token, welches mit einem realen Sachwert verknüpft ist. Anders als bei Kryptowährungen wie Bitcoin sind Asset Backed Tokens mit Realwerten verbunden. Sie als Start-Up-Investor halten dann kleine Mini-Anteile an einer Immobilie, an Gold oder anderen Vermögen. 

Damit beseitigen Asset Backed Tokens das Problem der intrinsischen Wertlosigkeit von Kryptowährungen. Denn im Grunde genommen besitzen Währungen wie Bitcoin lediglich einen rein spekulativen Wert. Bitcoins sind dann besonders wertvoll, wenn das Kaufinteresse hoch ist. Sind die Interessenten bereit, riesige Mengen „echten“ Geldes im Austausch für Bitcoins zu bezahlen, bilden sich völlig losgelöst von der intrinsischen Wertlosigkeit der Coins Spekulationsblasen – ähnlich wie zu Zeiten des niederländischen Tulpenfiebers im 17. Jahrhundert. Asset Backed Tokens hingegen haben einen direkten Gegenwert und können an den Assets, die ihnen zugrunde liegen bewertet werden.

teilen auf