Niedrigzinsphase - Was bedeutet dies für Anleger

Früher war es für Investoren keine schlechte Idee, dem Staat Geld zu leihen. Immerhin winkten beispielsweise für deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit zeitweise Zinsen von bis zu 9 Prozent im Jahr. Heute sind die Zinssätze für die gleiche Anlage nicht nur deutlich niedriger, sondern oft sogar negativ. Das bedeutet also, dass Du Jahr für Jahr Geld verlierst, wenn Du dem Staat Dein Geld zur Verfügung stellt – keine besonders attraktive Aussicht. Auch andere Anleihen werden aktuell – so lange sie nicht mit hohen Risiken verbunden sind – kaum höher verzinst. Doch warum ist das so und wie können Investoren reagieren?

Article

|5 min read

Die Ursache: Die Nullzinspolitik der EZB

Zinsen entstehen natürlich nicht im luftleeren Raum. In der Europäischen Union ist der Zinssatz der Europäischen Zentralbank (EZB) für das Hauptrefinanzierungsgeschäft die entscheidende Einflussgröße. Dabei handelt es sich um den wichtigsten Leitzins der EZB, über den sich die Geschäftsbanken primär refinanzieren. Die Höhe dieses Zinssatzes beeinflusst wiederum das allgemeine Zinsniveau in der Europäischen Union. Im Oktober 2000 betrug er beispielsweise 4,75 Prozent. Dementsprechend konnten sich Anleger zu dieser Zeit über einen hohen Sparzins freuen. Seit März 2016 liegt er allerdings konstant bei nur noch 0 Prozent. De facto handelt es sich also um eine Nullzinspolitik der EZB, die sich u.a. durch die schwächelnde Wirtschaft in der Eurozone und der hohen Verschuldung vieler Mitgliedsstaaten begründen lässt.
 

Die Folge: Anlagenotstand für Investoren

Für Kreditnehmer ist die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank eine positive Nachricht. Denn niedrige Leitzinsen bedeuten auch geringe Kreditzinsen und damit günstigere Kredite. Anleger hingegen haben das Nachsehen, weil das niedrige Leitzinsniveau zu sehr bescheidenen Anlagezinsen führt. Der Zins ist so sehr im Keller, dass die Investition in klassische Zinspapiere heute in der Regel keine gute Option mehr ist. Wenn aber eine einst sehr beliebte Anlageklasse praktisch wegfällt, bedeutet das für einige Investoren förmlich einen Anlagenotstand; zumal die Inflation im April 2019 gegenüber dem Vorjahr bei immerhin 2,0 Prozent lag. Wer also weniger als 2,0 Prozent Rendite erwirtschaftet, verliert – real betrachtet – Geld(wert).
 

Eine Lösung: Investition in Immobilien

Natürlich gibt es Alternativen zur Investition in Zinspapiere. Als Erstes denken hier viele an Aktien bzw. Aktienfonds. Tatsächlich lassen sich hier mit einer Anlage hohe Renditen erzielen. Allerdings sind hier auch die Risiken und Schwankungen oft recht hoch. Wer in der letzten Finanzkrise einen Blick auf sein Depot und dessen schwindende Bewertung geworfen hat, kann davon vermutlich ein Lied singen. Somit eignen sich Aktien und Aktienfonds zwar als Depotbeimischung für risikofreudige Anleger. Einen Großteil des Vermögens hier zu investieren, scheint jedoch keine gute Idee zu sein. 

Existiert eine Anlageoption, die nicht so riskant ist, aber ebenfalls hohe Renditen bietet? Die gibt es, wie eine umfangreiche Untersuchung der Finanzwissenschaftler Òscar Jordà, Moritz Schularick, Alan M. Taylor und Katharina Knoll zeigt. Diese Ökonomen haben sich die Mühe gemacht, die Wertentwicklungen von vier Anlageklassen – nämlich Aktien, Anleihen, Bankeinlagen sowie Wohnimmobilien – im Zeitraum von 1870 bis 2015 in sechzehn Industriestaaten zu untersuchen. Während sich Bankeinlagen mit jährlichen Renditen von 0,3 und 1,46 Prozent am schlechtesten entwickeln, konnte die Wohnimmobilienrendite mit 8,7 Prozent pro Jahr sogar die Aktienrendite von 7,8 Prozent übertrumpfen. Auch wenn die Aktien in der Zeitspanne von 1950 bis 2015 dann mit 9,59 Prozent gegenüber 8,3 Prozent bei den Wohnimmobilien etwas die Nase vorn hatten, sind Wohnimmobilien doch unter der Berücksichtigung von Rendite und Risiko offensichtlich eine richtig gute Wahl.
 

Droht eine Immobilienblase?

Allerdings scheuen einige Investoren die Geldanlage in Immobilien und begründen dieses mit einer vermeintlichen Immobilienblase. Sie befürchten also, dass die Bewertung von Immobilien bereits zu hoch sei und ein massiver Wertverlust droht. Auch wenn einige Stimmen seit Jahren diesen Aspekt betonen, ist die Gefahr für den deutschen Markt – laut des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung – eher gering. Zur Begründung verweisen die Fachleuchte auf die „vergleichsweise geringe private Verschuldung hierzulande und die solide Finanzierung von Immobilienkäufen“. Selbst die gestiegene Bewertung der Immobilien in einzelnen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München bedeutet laut der Meinung der Ökonomen „nicht zwangsläufig, dass die Entwicklung bundesweit bedenklich wäre.“ 

teilen auf